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Warum der KI-Hype langweilt


Vor einigen Wochen diskutierte ich auf einem geselligen Podium der Solothurner Literaturtage, warum die Zukunft vielen so düster erscheint. Natürlich landete dieses Gespräch schnell bei der künstlichen Intelligenz. Ich hatte es befürchtet.

Versteht mich nicht falsch, der technologische Wandel interessiert mich sehr. Am liebsten möchte ich 200 Jahre alt werden und erleben, was uns die Zukunft alles bringen wird. Aber der gegenwärtige KI-Hype langweilt mich. Ich fühle mich, als wäre ich in einer diskursiven Endlosschlaufe gefangen.

Was sich in den letzten Jahren in der Diskussion der digitalen Zukunft änderte, sind einzig die Hype-Themen und damit das Vokabular, mit dem der Wandel diskutiert wird. Zuerst prägte das Web 2.0 die Debatte, später waren es die Blockchain und das Metaversum, jetzt also die generative KI. Aber KI ist kein neues Thema, sie war in der digitalen Transformation immer schon angedacht. Der allwissende Bordcomputer HAL tauchte im Kino schon 1968 auf (in 2001: Space Odyssey), die humanoide Roboterfrau Ava aus Ex Machina (2015) dürfte vielen präsenter sein.

Der Moderator deutete die endlose Diskussion als menschliche Unfähigkeit mit Ambivalenz umzugehen. Diese Beobachtung fand ich interessant und nehme sie als Anlass, der Endlosschlaufe des Diskurses der digitalen Zukunft nachzugehen.


Illustration: Eija Vehviläinen


Die wiederholte Zukunft der 2010er Jahre

Die gegenwärtige Diskussion des Digitalen basiert auf einer Zukunft, die Trendforschende und Tech-Gurus um das Jahr 2010 formuliert haben – und setzt die Vorstellung eines linearen Fortschritts aus dem 19. Jahrhundert fort. Um meinen Verdacht einer “wiederholten Zukunft” zu erhärten, schaute ich mir einige einschlägige Publikationen der damaligen Zeit an. Besonders aufschlussreich ist “Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft” – vom ehemaligen Google CEO Eric Schmidt.

In der Folge gebe ich die Kernmerkmale seiner Zukunft wieder, ergänze sie aber mit Einwänden, die in den letzten 15 Jahren aufgetaucht sind.

Für die 2010er-Zukunft ist zunächst einmal entscheidend, dass digitale Technologien zum mit Abstand wichtigsten Treiber der Zukunft aufstiegen. “Wenn sich in den kommenden Jahren Milliarden von Nutzern vernetzen, wird die Technologie Teil jedes Problems und jeder Lösung sein” (Seite 364 bei Schmidt). Mit den Erfahrungen des digitalen Wandels der 2000er-Jahre ging die Vorstellung einher, in einer “privilegierten Zeit” zu leben, in der sich so vieles so schnell wie noch nie verändert. ABER Belege für eine historische einmalige Epoche bleiben ebenso aus, wie Vergleiche mit früheren “disruptiven” Veränderungswellen – zum Beispiel durch die Elektrizität, die Eisenbahnen und die Urbanisierung im 19. Jahrhundert.

Die 2010er-Zukunft versteht technologischen Wandel als evolutionären und unaufhaltsamen Wachstumsprozess. Alle Menschen, Güter, Tiere, Orte und Ideen sollen ans Netz angeschlossen werden. Die Vernetzung passiert ebenso exponentiell wie bruch- und widerstandslos, geht also immer schneller so weiter (S. 363). ABER soll sich Wachstum über Jahrzehnte tatsächlich exponentiell vollziehen, müssten die Kurven des Digitalen in die Unendlichkeit verlaufen – und das setzt die Unendlichkeit von Rohstoffen und Energie voraus. In einem geschlossenen System wie der Erde ist das offensichtlich nicht der Fall (vielleicht mit Ausnahme der sehr lange verfügbaren Solarenergie). Ist das der Grund, warum die technologiegläubigen Longtermisten unbedingt ins All wollen?

Die digitale Zukunft bringt eine “chimärische Gesellschaft” hervor, welche die Fähigkeiten von Mensch und Maschine optimal kombiniert. Wie die Arbeitsteilung aussehen würde, wurde bereits 2010 definiert. “Die menschliche Intelligenz kommt zum Einsatz, wenn Urteile, Intuition, Feingefühl und menschliche Interaktion gefragt sind” (S. 365). Der Zukunftsforscher Matthias Horx stellte ein paar Jahr vorher fest, dass “Talent, Kreativität und Innovationsfähigkeit” das Rückgrat und “Kognitive Diversität” das “zentrale Produktionsmittel” der Wissensökonomie sein würden (S. 117, S. 142). ABER seit 2010 wurde offensichtlich, dass nicht jede langweile Arbeit an Maschinen delegiert werden kann, zumal der Automatisierung menschliche Befindlichkeiten im Wege stehen (zum Beispiel die Angst vor Veränderung und Statusverlust oder die Abneigung gegen Maschinen als Gegenüber).

Daten sind ein zentraler Rohstoff der digitalen Zukunft. Dazu müssen sie gesammelt, gereinigt und sortiert werden. Schmidt illustrierte den Nutzen dieses Datensammelns mit einem zum Zeitgeist passendem Zielbild. Wir würden künftig “riesige Datenmengen” nach Zusammenhängen durchsuchen, Prognosen erstellen und so Terroristen aufspüren (S. 365). Im Kontext des gegenwärtigen KI-Hypes würde man eher argumentieren, dass Daten KI füttern. ABER nur ganz wenige Unternehmen sind fähig, diesen digital-alchemistischen Umwandlungsprozess zu leisten. Zudem handelt es sich sowohl bei der Terrorismusabwehr als auch bei der KI-Fütterung um ambivalente Versprechen, die gesellschaftliche Nebenwirkungen haben und deren Monetarisierung eintreten kann - oder eben auch nicht.

Ein altes Versprechen der digitalen Zukunft ist schliesslich die Effizienz. Schmidt meinte, “die neuen virtuellen Handlungsspielräume” würde dafür sorgen, “dass vieles in der physischen Welt effizienter wird”. Immer neue Nutzende würden die “ineffizienten Märkte, Systeme und Vorgehensweisen” optimieren. (S. 27). ABER das Digitale bringt auch neue Formen der Bürokratie hervor – wie Mathias Binswanger in seinem neuen Buch “Die Verselbständigung des Kapitalismus” jüngst aufzeigte. Er argumentiert mit den bürokratischen Mechanismen, die nötig sind, um die KI zu kontrollieren und deren Einsatz zu regulieren. Zudem beklagt man bereits jetzt KI-generierte Inhalte als Müll, der das Surfen ineffizient macht.

Die Einsprüche sind kein Geheimnis. Alle, die sich beruflich mit der digitalen Zukunft beschäftigen, kennen diese Ambivalenzen. 1


Suche nach präziseren Fragen an digitale Zukunft

Warum aber nervt mich nun der Hype? Bin ich erstaunt, enttäuscht, dass die technischen Fortschritte zu wenig in soziale übersetzt werden? Bin ich genervt, dass die Fortschritte der KI zu klein sind und sie mir doch noch nicht zuverlässig Filme und wissenschaftliche Quellen empfehlen kann? Bin ich unbemerkt ein frustrierter alter weisser pseudo weiser Mann geworden? War ich zu faul, die KIs auszuprobieren und die erschienenen Bücher und Interviews im Detail zu studieren?

Ich glaube am meisten rührt mein Desinteresse am KI-Hype daher, dass die strukturellen Probleme einer digitalen Zukunft ständig wiederholt werden und gleichzeitig der politische Wille fehlt, die gesellschaftspolitischen Herausforderungen ernsthaft anzugehen (siehe Fussnote 1). Sie wirken wie Sackgassen, aus denen Ausgänge erst sichtbar werden, wenn wir sie mit präziseren Fragen ausleuchten. Sonst werden wir auch beim nächsten Hype mit neuem Vokabular genau dieselben Themen diskutieren.

Was also könnten Ausgangspunkte sein, um die digitale Zukunft präziser zu befragen?


Präziser fragen lernen – durch Lesen?

Um präzisere Fragen zu stellen, braucht es Zeit zum Nachdenken. Dummerweise rauben die Mechanismen des Digitalen diese Zeit - weil wir uns im ständigen Wettbewerb glauben oder in Hollow Flows gefangen sind.

Genauso wichtig wie das Nachdenken ist es, aus eigenen Gedankenwelten auszubrechen und sich mit den Überlegungen anderer Menschen zu beschäftigen. Hierzu können wir natürlich mit ihnen sprechen. Tiefgründiger ist die Schriftkultur. Wäre es nicht wünschenswert, dass wir alle mehr lesen würden? Wer liest, erfährt im Detail, was andere denken und in der Vergangenheit gedacht haben. Das fördert das kritische Denken und ermuntert, seine Gedanken präziser zu formulieren.



  1. Die digitale Zukunft war immer ambivalent. Chancen und Gefahren sind grundsätzlich gleichmässig verteilt, wobei man je nach Perspektive oder auch Rolle, die man gerade einnimmt, mehr vom einen oder anderen wahrnimmt. Diese Ambivalenzen sind die strukturellen Herausforderungen der digitalen Transformation. Die digitale Transformation (also auch “KI”) streicht und generiert Arbeitsplätze, wobei die neuen Arbeitsplätze höhere Anforderungen stellen. Gefragt sind intellektuelle, handwerkliche, soziale und künstlerische Mehrwerte gegenüber den Maschinen, wobei die Märkte (bisher?) primär die intellektuellen finanziell belohnen. Die digitale Transformation kommt grundsätzlich allen zugute - jedoch sind ihre Renditen ebenso ungleich verteilt wie ihre Risiken. Wie Schmidt festhielt, wird “eine kleine Minderheit an der Spitze” von den “unerfreulichen Konsequenzen” der Technologie verschont bleiben (S. 364). Die digitale Transformation benötigt Daten. Diese produzieren die Nutzer:innen durch ihre Inhalte (Blogs, Fotos, Videos) bewusst sowie unbewusst durch die Geräte, die sie ständig bei sich tragen (z.B. Geo-Daten). Dadurch kommt es zu “Einschnitten” bei der Privatsphäre (S. 367) beziehungsweise zu Daten- und Inhaltsenteignung. Die digitale Transformation lässt ein riesiges Unterhaltungsangebot entstehen, das uns inspiriert und mit dem man lernen kann. Multimedialer Reichtum ist Fluch und Segen. Seine Verführungskraft lenkt uns vom Denken und Ausruhen ab. Zudem mischen sich Werbung, Fake News und Manipulation in die Streams ein. Die digitale Transformation bringt grossflächige Netze und Megaplattformen hervor. Diese senken Produktionskosten, schaffen Zugang zu Wissen, Unterhaltung, Konsumangeboten und generieren einzigartigen “User Experiences”. Gleichzeitig tendieren die Megastrukturen dazu, die Macht weniger Plattformen zu maximieren. Die digitale Transformation bedingt mehr menschliche Kreativität. Bisher ist Kreativität bei weitem nicht zum wichtigste Gestaltungsparameter von Schulen, Wohnräumen oder Unternehmenskulturen aufgestiegen. Dem stehen ein veraltetes Führungsverständnis inklusive die Angst vor Verlusten im Weg. ↩︎


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