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Trennungskompetenz – Ein Schlüssel für das 21. Jahrhundert

Zuerst erschienen auf dem Blog von HR Today

Wir sprechen lieber über Anfänge als über Enden, lieber über Geburten als über Todesfälle. Sich zu verlieben, macht eindeutig mehr Spass, als eine Beziehung zu beenden. Wir geniessen die positiven Gefühle und neigen dazu negative zu meiden.

Kaum erstaunlich, konzentrieren sich die Innovationsverantwortlichen darauf, das Neue in die Welt zu bringen. Aber vielleicht sollten sie, um künftige Veränderungen zu erleichtern, dem Abschied des Veralteten mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie würden sich dann mit der Frage beschäftigen, wie man alte Innovationen elegant überwindet und beseitigt – aus der Gesellschaft, Politik, Organisation, oder aus den Köpfen der Mitarbeitenden und Managerinnen.

Illustration: Eija Vehviläinen


Lieber verliebt als vor der Trennung

Die Abneigung, sich mit dem Loslassen zu befassen, steht im Widerspruch zur Tatsache, dass wir uns in den nächsten Jahrzehnten von zahlreichen alten Zukünften trennen müssen – zumindest, wenn das 21. Jahrhundert nicht in einer Katastrophe enden soll. Viele planetare Grenzen haben wir schon überschritten, wir befinden uns «im Auge» einer Energie-, Ernährungs- und Klimakrise.

Weil Zukunft im Kapitalismus wesentlich von Unternehmen gemacht wird, sind diese besonders aufgefordert, ihre Trennungskompetenzen zu stärken. Sie sollten vorleben, wie wir uns ohne Groll von der Vergangenheit lösen. Vom Ausmisten profitieren sie selbst. Vernachlässigen sie das Trennen, verstopfen sie ihre Adern der Lebendigkeit (um neue Perspektiven einzunehmen, sich zu wandeln und Sinn zu schaffen) und verlieren ihre Fähigkeit zu atmen (und sich zu entspannen und neuen Schwung zu erholen).

Exnovation statt Innovation

Überhaupt müssen unter dem Druck von digitaler und grüner Transformation alle Unternehmen zum Frühlingsputz. Die Uhr läuft für das Auto im Privatbesitz ebenso ab, wie für die Salami im Znünibrot oder wasserundurchlässige Plätze und Strassen in unseren Innenstädten. Das PDF-Formular, der Ticketautomat oder die Kreditkarte haben ihre besten Jahre ebenfalls schon lange gesehen. Innovationsführerinnen und Innovationsführer sollten deshalb lieber heute als morgen prüfen, welche ihrer Ex-Innovationen, die einmal grosse Erfolge gefeiert haben, nun dalli dalli ins Museum gehören.

Den begleiteten Abgang des Alten bezeichnen Expertinnen des Neuen als «Exnovation». Damit sie gelingt, braucht es attraktive Alternativen, die es Nutzerinnen, Bürgern, Patientinnen oder Mitarbeitenden erleichtern, sich zu trennen. Sprunginnovationen beziehungsweise Leapfrogging (wie beim Wechsel von Nokia-Knüppel zum Smartphone) helfen beim Abschied, weil das Alte nicht mehr variiert, sondern überwunden wird.

Ebenso wichtig wie die Alternativen ist das Timing, um das Alte im Falle eines Window of Opportunity aus der Welt zu spedieren. Es öffnet sich in Krisen, bei Knappheiten, nach Unfällen und dem Outing von Profis. Der gelungene Exitus verlangt schliesslich eine gute Geschichte, die uns emotional berührt und offensichtlich macht, warum das Alte weichen muss.

Vier Gesichter der Trennungskompetenz

Unternehmen, die darin geübt sind, ihre Vergangenheiten loslassen, arbeiten erstens an ihrer Trennungskultur. Statt naiv ein Mindset der technischen Machbarkeit zu propagieren, setzen ihre Managerinnen demütiger die Innovationen der Vergangenheit in ihren historischen Kontext. Verlangt loszulassen, nicht zu verstehen, warum das alte Neue einmal Sinn machte, aber irgendwann in einer Welt anderer Möglichkeiten, anderer Knappheiten und anderer Dringlichkeiten seine Legitimation verliert? Faxgeräte machten Sinn, als sie die einzige Möglichkeit waren sofort Informationen zu übermitteln, Musik-Downloads, weil es im langsamen Internet noch kein Streaming gab.

Zweitens investieren trennungslustige Unternehmen in die Trennungskompetenz ihrer Mitarbeitenden. Trennungskompetent ist, wer respektvoll, rechtzeitig und ohne Rachegelüste Abschied nimmt. Man hört auf seine Gefühle, wägt Vor- und Nachteil von alt und neu gegeneinander ab und steht zu einem Entscheid. Trennungskompetent ist, wer fragt, «warum tun wir das überhaupt», wer nein zu Routinen und Privilegien der Vergangenheit sagt und Platz für neue grossartige Gelegenheiten schafft. Vor allem hat, wer das Ende als Anfang betrachten kann, viel Selbstsicherheit.

Drittens setzen trennungskompetente Unternehmen auf Ablaufdaten – bei ihren Angeboten, bei ihren Veränderungsprojekten, bei ihren Mitarbeitenden und sogar ihren Verwaltungsräten. Alles, was das gesetzte Datum überschreitet, wird kritisch geprüft. Wie wir von der japanischen Aufräum-Trainerin Marie Kondo gelernt haben, müssen wir alles einzeln bewusst in die Finger nehmen, um uns vom überholten, entliebten, vom störenden und hemmenden zu trennen. Nicht nur, was den Weg in die Zukunft behindert, sondern auch was gleichgültig geworden ist, hat in einer lebendigen Organisation nichts mehr verloren.

Viertens könnten Exnovationsfreudige eine Trennungsministerin in die Geschäftsleitung berufen, selbstverständlich mit Ablaufdatum. Sie wird dafür bezahlt, so viel wie möglich abzuschaffen. Sie entschlackt, steigert durch Trennungen die Qualität. Eine Leserin zahlt nicht nur für jedes Wort, das eine Autorin geschrieben hat, sondern auch für alle gestrichenen, die der sprachlichen Qualität und Spannung im Wege standen. Im Unternehmen können das ungeliebte Jahresgespräche sein. Hässliche, ungenutzte Räume. Soziale Medien, die verkümmern. Marktforschung, die keinen Mehrwert bringt.


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