Der Begriff der «Falle» verweist zum einen auf Gefahren, in die Unternehmen und Gemeinschaften treten, wenn sie nicht gründlich über die Zukunft nachdenken. Konkret: Sie schätzen Risiken falsch ein und investieren am falschen Ort. Zum anderen scheint die Zukunft zurzeit eine Gefangene zu sein. Indem verzerrt über die Zukunft nachgedacht wird, kann sich die Zukunft nicht aus der Vergangenheit befreien und wird dadurch zur endlosen Verlängerung.

Jede Falle ist eine Chance, um die Zukunft aus der Optik der Verzerrung neu zu befragen. Wer anders fragt, ist besser vorbereitet und stärkt seine Resilienz.

Kapitelübersicht

  • Seit dem Durchbruch von ChatGPT ist die Reflexion der Zukunft von KI geprägt. Das ist nicht nur langweilig, sondern überlagert andere technologische Entwicklungen, die nicht minder wichtig für die Entstehung der Zukunft sind. Offensichtliche Varianten der Zukunft verlaufen über die Fortschritte von Raumfahrt-, Drohnen-, Klima- und Recyclingtechnologien

    Diese Fixierung ist keine Seltenheit in der Geschichte der Zukunft. Regelmässig dominiert jeweils eine aktuell in Wirtschaft und Popkultur dominante Technologie den Blick in die Zukunft. In der Vergangenheit gibt es zwei markante Beispiele. Zum einen das Aufkommen der Elektrizität um die Wende zum 20. Jahrhundert und zum anderen beim Atomzeitalter nach dem zweiten Weltkrieg. Weniger lang her sind die Fixierung der Zukunft auf das Metaversum und die Blockchain samt ihren Kryptowährungen. Diese Beispiele zeigen, wie schnell ein Selbstportrait bei der Reflexion der Zukunft an Bedeutung verlieren kann. Auch die gesamte Science Fiction ist so zu verstehen. Sie denkt eigentlich nicht über die Zukunft nach, sondern spiegelt als sozio-technische Diagnose die Gegenwart.

    Der «technologische Spiegel» sieht die Zukunft einseitig durch den Filter der technologischen Durchbrüchen der jüngsten Vergangenheit. Dadurch geht das Potenzial verloren über wirkliche Neuerungen nachzudenken. Gleichzeitig geht der Blick für Technologien verloren, die vielleicht weniger auffällig, aber nicht weniger stark auf die Zukunft einwirken könnten.

  • Durch den Hype um Gen-KI erlebt die kybernetische Zukunft ein Revival. Technologiegläubige Futuristinnen und Futuristen glauben sie könnten die Zukunft vorhersehen, wenn sie die KIs mit genügend Daten füttern und ihr die richtigen Fragen stellen. Doch die Zukunft hat viel zu viele Variablen, um sie zuverlässig vorherzusehen.

    Datenbasierte Zukunftsentwürfe unterstellen, dass man ein Unternehmen oder sogar eine Gesellschaft wie eine Maschine steuern kann. Unternehmen generieren mit KI Szenarien, Beratungsfirmen verkaufen algorithmisches Foresight und Regierungen hoffen auf die datenbasierte Früherkennung von Krisen. Doch KI kann schon deshalb keine Zukunft vorhersehen, weil sie mit den Daten der Vergangenheit gefüttert wird. Was sie produziert, sind nicht mehr als futuristisch anmutende Wiederholungen und Verlängerungen. In ihrer Fixierung auf die Vergangenheit unterschätzt sie systematisch den Zufall, die Störanfälligkeit von Infrastrukturen und die schlichte Tatsache, dass Menschen keine zuverlässigen Automaten sind, sie sich stets an Pläne und Vorschriften halten. Wenn Menschen aufhören, eigene Zukunftsbilder zu entwickeln, und sich stattdessen auf die algorithmischen glatten Szenarien der Maschinen verlassen, engt sich die Zukunft unnötig ein. Dann stirbt die menschliche Fantasie, aus der Innovationen entstehen.

    Die kybernetische Zukunft ist insofern gefährlich, als dass sie zu totalitären Systemen führen kann – einerseits um die notwendigen Daten durch umfassende Überwachung einzutreiben, anderseits, um das Verhalten der Menschen gemäss Modellrechnungen zu kontrollieren. Ausserdem neigt die Lust an der kybernetischen Kontrolle dazu, das Wilde, Widerständige und Unkontrollierbare zu unterbinden, das für überraschende Zukünfte unverzichtbar ist.